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Post vom Grabbeltisch
von Tobias Henke
18.04.2011

Letzte Woche hatte ich alle Hände voll zu tun, insgesamt sieben Artikel zu veröffentlichen und auch diese Woche kann ich euch keinen eigenen zusammenhängenden Artikel bieten. Allerdings habe ich in letzter Zeit mal wieder diverse Themenschnipsel gesammelt und deshalb gibt's heute Geschnetzeltes in bester Grabbeltisch-Tradition.



1) Jace Off

Los geht's mit einem kleinen Ausschnitt aus einem Telefonat, das ich neulich geführt habe …

„Warum kacken die National Qualifier eigentlich grad so ab? Zumindest die waren doch immer gut besucht.“
„Na, Standard ist im Moment einfach zu teuer.“
„Das war in Süddeutschland nie ein Problem. Allein in meinem Laden—“
„Ey, Jens! Ein Turnier mit 130 Leuten. Da müsste es mindestens 80 Spieler mit Jace-Decks geben.“
„Na ja …“
„320 Jaces! Egal wie man's dreht und wendet, sind das deutlich mehr als 20000 Euro!“
„Oh.“
„An einem Tag im selben Raum! Und das nur für Jaces!“
„Hm.“
„Vielleicht ist so eine Konzentration von Reichtum selbst für überprivilegierte Regionen einfach ein bisschen viel verlangt.“
„…“


Ich denke, das lasse ich einfach unkommentiert so stehen.


2) Selbstgespräche

Diskussionen sind was Feines. Nicht um andere Menschen zu überzeugen, denn das klappt, wie der geübte Internetnutzer weiß, eh selten, sondern in erster Linie, um sich selbst zu überzeugen. Um sich zu vergewissern, dass die eigenen Argumente auch tatsächlich etwas taugen, oder um sich selbst in irgendwelchen Punkten überhaupt erst mal Klarheit zu verschaffen.

Jeremy Neeman, australischer Magic-Profi und Autor für blackborder.com, hat oder hatte ein interessantes „Pet“-Thema, was mehrfach in seinen Artikeln aufgetaucht ist. Und zwar äußerte er die Ansicht, dass Magic zu glücksabhängig sei, und schlug vor, mit einem Gratismulligan gegenzusteuern. Ganz simpel solle man beim ersten Mulligan in jedem Spiel eines Matches erneut sieben Karten ziehen dürfen.

Um die Idee an sich geht es mir nur sekundär. Ich bin kein Freund einer solchen Änderung, doch die Begründung hinter diesem Standpunkt hat mich kurz ans Denken gebracht. Und ans Schreiben. Da beides prinzipiell recht gut zu einem Magic-Artikel zu passen scheint, recycele ich meinen Kommentar an dieser Stelle. Anglophile Scrollwillige können ihn, Nummer 2, im Original unter diesem Artikel finden. Hier die leicht aufgebesserte Übersetzung:

Du hast zwar schon ein paar Aspekte hiervon getrennt voneinander angesprochen, aber nicht die folgende Verbindung gezogen. Decks können und werden immer unter zwei Gesichtspunkten gebaut: die Chance auf den schlechten Draw zu minimieren und die Power des guten Draws zu maximieren. Das ist ein Nullsummenspiel. Was auch immer man unternimmt, um die Power zu erhöhen (zum Beispiel eine dritte Farbe in sein Sealed Deck zu splashen), geht auf Kosten der Konsistenz, und umgekehrt. So macht Preordain ein Deck beispielsweise konsistenter, ist aber kaum jemals Teil seines stärksten Draws. Auf sich allein gestellt macht die Karte nichts, und wenn man eh schon einen guten Draw hat, würde man das Mana immer lieber anderweitig ausgeben.

Es herrscht ein Gleichgewicht zwischen den beiden. Decks werden teils auf Power, teils auf Konsistenz gebaut, und zwar in demjenigen Verhältnis, das die beste Siegquote verspricht. Wenn Spieler wirklich Konsistenz über alles stellen wollten, dann gäbe es bereits jetzt weitere Mittel und Wege. (Öfter mal ein Extraland, kein aggressives Splashen, mehr Redundanz, mehr Library-Manipulation und so weiter bis zum Abwinken …) Aber Deckkonstrukteure zielen eben nicht auf maximale Konsistenz ab – sie zielen ab auf das optimale Verhältnis zwischen Konsistenz und Power. Wenn Wizards jetzt hergingen und „kostenlose Extrakonsistenz für jeden“ bereitstellten, indem sie deinen Zusatzmulligan einführten, wäre eine Anpassung dieses Verhältnisses unvermeidbar.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie groß der Einfluss deiner Änderung wäre, aber die Vorstellung, dass Leute weiterhin dieselben Decks spielen und dementsprechend einfach nur von der zusätzlichen Konsistenz profitieren würden, erscheint mir naiv. Offensichtlich würden sie ihren Deckbau anpassen, um die neuen Rahmenbedingungen voll auszunutzen. Die Folge wären weniger konsistente Decks (nach heutigen Maßstäben), die sich auf den Gratismulligan verlassen, um vernünftig zu funktionieren, genauso wie auch heutzutage unsere Decks auf Grundlage der aktuellen Mulliganregeln gebaut sind.

Oder um es anders auszudrücken: Stell dir vor, der erste Mulligan brächte einen umgekehrt von sieben gleich auf fünf Karten. Meinst du nicht, Decks sähen dann ganz anders aus, als sie es gegenwärtig tun? Es ist ein Nullsummenspiel. Das meiste, was man mit den Regeln des Spiels anstellen kann, verändert lediglich, wie Decks gebaut werden. Varianz ist größtenteils invariabel.



3) A Little Bird Told Me

Genauer wurde da neulich etwas gezwitschert, auf das ich unbedingt eingehen möchte. Zu lesen sind die folgenden drei Aussagen von unten nach oben. Ich habe mir kurz überlegt, sie schlicht umzudrehen, jedoch gemerkt, dass ich dann zugunsten der Twitter-Kenner den umgekehrten Warnhinweis anbringen müsste, wobei ich mir noch blöder vorgekommen wäre. Selbst so komme ich mir bereits ausreichend blöd vor.


Nun, das ist gequirlte … Oder anders ausgedrückt: Das ist der größte … Okay, okay, das ist grober …
Kurz gesagt, das ist schlicht unwahr.

Letztes Jahr hatten wir Jund, Naya und Next-Level-Bant, davor hatten wir Jund und BW-Tokens. In Wahrheit lagen zwischen dem Release von M11 und Pro Tour Paris die einzigen paar Monate der jüngeren Standard-Geschichte, die einmal ausnahmsweise nicht von Aggrokontrolle dominiert wurden. Oder von Kontrollaggro. Denn das ausschlaggebende Kennzeichen all dieser Decks ist ja gerade, dass sie manchmal aggressiv und manchmal defensiv arbeiten und sich der üblichen Kategorisierung entziehen. Allround-Midrange-Goodstuff trifft es am besten, aber nur deshalb, weil der Begriff einfach überhaupt nichts aussagt. Und genau darin liegt ihre Stärke. Aggro- und Kontrolldecks lassen sich auf ihre jeweilige Art bekämpfen, Caw-Blade hingegen ist schwieriger zu besiegen als die Summe seiner Teile. Das Deck ist nicht auf allen Ebenen und in allen Phasen des Spiels gleich stark, in vielen sogar schwächer als einzelne Konkurrenten, aber in jedem Bereich stark genug, um seine Vorteile in den anderen auszuspielen.

Wenn heutzutage die Rede davon ist, dass sich das Metagame dreht, dann ist das meines Verachtens hauptsächlich Wunschdenken von Leuten, die Magic noch so erlebt haben. Früher gab es da tatsächlich Zyklen. Wenn Mirari's Wake gerade das Deck to beat ist, hat beispielsweise UG-Madness sein Comeback und darauf folgt irgendetwas Rotes. Und dann geht es wieder von vorne los, bloß dass diesmal Wake mit Exalted Angel einen neuen Trick gelernt hat. Oder irgendetwas in der Art, meine Erinnerung an 2003 ist nicht mehr so gut, wie sie einmal war. Zum Beispiel in 2003.

Jedenfalls bedeuteten klarere Matchups, dass das Metagame ständig in Bewegung blieb, notwendigerweise. Heute dreht es sich mal mehr, mal weniger, im Schnitt jedoch einmal pro neuem Set. Klarere Matchups bedeuteten allerdings auch, dass manche Paarungen bereits buchstäblich entschieden waren, bevor man sich an den Tisch setzte. Weil aus diesem Grund Standard damals so unbeliebt war, habe ich zum Beispiel im März 2003 beim monatlichen Turnier in Dülmen den ersten Platz von 104 Spielern erreicht, indem ich in der letzten Runde mit Wake ein GW-Aggrodeck besiegte. Die Decklisten sind beide noch abrufbar, schaut sie euch an! Das ist offensichtlich ein überaus einfaches Matchup für den GW-Spieler. Insofern als dass er ebenso gut gleich aufgeben kann.

Das eigentliche Spielen mag mit den modernen Decks durchaus spannender und mit der möglichen Ausnahme von Jund auch spaßiger sein. Nur gespielt wird maximal an zwei Tagen der Woche, während das Nachgrübeln über die eigene Deckwahl früher alle sieben beansprucht hat.


4) Schau mir in die Augen, Kleiner!

Zum Abschluss gibt es noch einen halben Bonusartikel. Klaus Jöns, ehemals Autor hier und anderswo sowie dreimaliger GP-Top-8-ler, hat einen offenen Brief geschrieben, den ihr euch alle durchlesen solltet!

Liebe PlanetMTG-Leser,

mein letzter Artikel ist schon eine ganze Weile her. Vielleicht sollte ich mich vorstellen, insbesondere wenn ich mir überlege, wie oft ich heutzutage nach meinem Namen auf einem PTQ gefragt werde. Aber da dies kein Artikel wird, sondern ein offener Leserbrief, spare ich mir das Vorgeplänkel.

Heute soll es um etwas Ernstes gehen, etwas, was unser Spiel in den letzten Jahren deutlich geprägt hat. Damit meine ich nicht das Spiel an sich, sondern unser Spielen. Alles fing mit einer klitzekleinen Regeländerung an. Wer jetzt denkt, ich schreibe eine Lobeshymne über den Damage auf dem Stack, hat weit gefehlt. Die entscheidende Regeländerung lautet: Der Gegner hat das eigene Deck bei jedem Mischvorgang als Letzter in der Hand. Tobi wird sich sicherlich die Mühe machen, den richtigen Wortlaut aus den Comprehensive Rules herauszusuchen.


-Zum Beispiel: Tournament Rules – 2.3 Pregame Procedures
[…]
2. Players shuffle their decks. […]
3. Players present their decks to their opponents for additional shuffling. […]
4. Players shuffle their opponents' decks.
5. Each player draws seven cards. […]

Meine Übersetzung bringt das ziemlich auf den Punkt. Wie macht sich das negativ bemerkbar? Vielleicht muss ich die Regeländerung für euch neu interpretieren: Der Gegner kann euer Deck beliebig manipulieren. Er hat nicht nur euer Deck in der Hand, er hat auch in der Hand, was ihr nächsten Zug ziehen werdet. Auf Neudeutsch heißt das Kartenhochmischen. Mit der neuen Regel ist es zwar schwerer, den Vampiric Tutor für nur ein Leben zu machen („Fetchlandtutor“), da fast niemand vergisst abzuheben, aber der berühmte „Fetchlandlock“ wurde um einiges erleichtert. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen, es soll ja keine Anleitung zum Bescheißen werden. Nichts anderes heißt das de facto nämlich!

Die meisten von euch kennen den wohl berühmtesten Fall aus deutscher Sicht. Heute soll es nicht darum gehen, ob jemand beim Mischen beschissen hat oder nicht. Sondern es geht um die Auswirkungen auf das Spiel, welches wir so gerne spielen. Und dieser Vorfall zieht seine Schatten über Magic-Deutschland. Man ist aufmerksamer und misstrauischer geworden. Was ich sehr positiv finde. Letztens auf einem PTQ hat mich ein Freund gebeten, ich solle sein Deck anders halten beim Mischen. Erst war ich verdutzt, aber folgte seiner Bitte. Nach dem ersten Spiel habe ich aus Gewohnheit, oder nennen wir es Routine, wieder gleich gemischt und wurde abermals darauf angesprochen. Ich kam mir reichlich dämlich vor. Was denkt er denn jetzt über mich? Aber ich war auch etwas gekränkt darüber. Das Erlebnis hat mich daran erinnert, dass ich mich diesem heiklen Thema einmal widmen wollte.

Nach der DM hatte ich eigentlich mit SimonG vor, den deutschen Judges mal zu zeigen, was alles möglich ist und wie man den faulen Zauber aufdecken kann. Leider verlief sich das Ganze, wegen der Terminfindung und dann war das Thema in der Community auch wieder out. Dabei ist es so einfach, etwas dagegen zu tun.

Früher hatte ich mir nämlich angewöhnt, den Gegnern beim gemeinsamen Mischen immer in die Augen zu schauen, vergleichbar mit einem „staring contest“. So haben beide Spieler genau gesehen, wo der andere hinschaut. Leider kam das bei den meisten Gegnern nicht gut an. Wer schaut einem Fremden schon gerne in die Augen. Man fühlt sich unwohl und beobachtet. Meist wichen mir die Augen des Gegners aus. Indiz fürs in die Karten schauen? Wohl kaum. Trotzdem wurde ich misstrauisch und mein Gegenüber fühlte sich durch das Anstarren angegriffen. Keine optimale Atmosphäre für eine Partie Magic. Wie kann man hier eine Lösung finden? Das geht nur durch Anerkennung dieser Technik, wenn jeder jedem in die Augen schaut, wäre das „Kartenhochmischen“ deutlich schwerer.

Auf dem Wiener PTQ wurde ich dann promt von meinem Gegner angesprochen: „Leiwand, diese Art von Mischen, macht dich gleich zu einem sympathischen Deutschen.“ Ich habe ihn erst verwundert angeschaut, insbesondere weil er meinem Blick auch nicht allzu lange Standhalten konnte. „Na ihr Deutschen habt euren Ruf ja schon weg.“ Am Anfang wusste ich nicht, auf was er hinauswollte, aber als er dann das Finale der DM angesprochen hat, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. – Deutsche Spieler alles Cheater! Und ich sage euch, dagegen sollte etwas getan werden. Wahrscheinlich bin ich nicht das beste Vorbild, proklamiere ich doch seit Jahren, dass die beste Zone in Magic die Grauzone ist. Aber da geht es um andere Sachen. Ich schweife ab.

Mir geht es ums Mischen und ich denke mit zwei einfachen Techniken können wir einiges verändern. Wenn schon die DCI diese dämliche Regel nicht wieder ändert, dann müssen wir eben nachhelfen. Zum einen durch das bereits erwähnte „Staring-Contest“-Mischen und zum zweiten, viel wichtiger, indem man immer, wenn man eine Bibliothek mischt, zum Schluss selbst noch einmal abhebt, also den Final Cut macht. Und zwar möglichst in der Mitte des Decks, wo es besonders schwer ist bestimmte Karten hinzumischen. Das ist vor allem wichtig, wenn man das gegnerische Deck mischt, da dem Besitzer der Final Cut ja weggenommen wurde. Ich glaube, diese kleine Geste des guten Willens hat einen großen Effekt auf das Mischen. Dafür müssen sich aber alle daran beteiligen. Hierdurch erschwert sich ungemein der „Fetchlandlock“ und auch der „Fetchlandtutor“ ist schier unmöglich. Es gibt keinen Grund für einen ehrlichen Mischer, nicht selbst noch einmal abzuheben.

Natürlich kann weiterhin geschummelt werden, mit geübter Fingerfertigkeit lässt sich fast alles erreichen, aber Gelegenheit macht Diebe! Deshalb seht diesen Brief als Aufruf, immer nach eurem Mischen selbst einmal abzuheben! Sobald man sich selbst sicherer ist, dass man nicht beschissen wird, greift man auch selbst nicht zu solchen Mitteln. Ansonsten enden wir wie der Radsport.

Mischgepflogenheiten zu ändern, ist nicht leicht. Insbesondere im Eifer des Gefechts, wie ich ja selbst vor Kurzem erlebt habe. Aber es ist nie zu spät. Ich werde ab jetzt darauf achten, dass ich beide Techniken anwende. Tut das auch!

In diesem Sinne
Klau_s


Zwei Dinge möchte ich dazu noch anmerken: Erstens, ich kann es nicht selbst beurteilen, denn meine eigene Fingerfertigkeit beschränkt sich leider darauf, den kleinen Finger der linken Hand dreimal so weit abspreizen zu können wie den der rechten, weil ich damit pro Tag 10000-mal die Strg-Taste benutze, aber Klaus hat mir versichert, dass das Abheben in der Mitte des Decks die Effektivität der gängigen Cheats wirklich ganz extrem reduziert. Wie das so seine Art ist, war er da sehr nachdrücklich. Zweitens: Macht nicht den Fehler zu glauben, es ginge hier um Misstrauen oder Paranoia! Es geht um das genaue Gegenteil, nämlich darum, eine angenehme Spielatmosphäre aufrechtzuerhalten. Es ist eine Frage von Respekt und schlicht von Anstand, anständig zu mischen. Tut es!

Nächste Woche hagelt es Absagen. Bis dahin denkt immer daran: Magic ist ein tolles Strategiespiel mit teils nervigen Glückselementen und teils unverschämten Kosten, aber in jedem Fall ein verdammt miserables Geschicklichkeitsspiel.




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